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Charisma 2
Model 9733


SPL "Charisma" | Praxis | Fazit |

Gefühlvoll in die Sättigung

achtkanaliger Tube Processor "Charisma" von SPL

Quelle: Audio Professional
Autor: Martin Hömberg

Dem Klang sind wir verpflichtet - Röhre, Transistor, Digitaltechnik, so lauten die Stationen des Fortschritts, an dessen Ende das Ideal des "puren Sounds" steht, mit linealgeradem Frequenzgang, frei von Klirrfaktor, Rauschen und anderem "Schmutz" - klinisch sauber eben. Ist demnach der Höhepunkt der reinen Klangkultur erreicht, wenn der sound in Form von frei verfügbaren, berechenbaren, manipulierbaren und beliebig transferierbaren Zahlen - kurz in digitaler Form - vorliegt? Dann stünde allerdings die Frage im Raum, warum gerade in jüngster Zeit immer mehr Röhren-Produkte mit dem Anspruch antreten, das digitale Klangbild ausgerechnet mit "Schmutz" verbessern zu wollen. Leben wir denn mittlerweile in einer verkehrten Audiowelt, wo wir, nachdem unsere Kasse jahrzehntelang durch den Kauf immer klangreinerer Produkte gehörig strapaziert wurde, nun für diesen "Schmutz" - für Klirrfaktor, für Verzerrungen, für zum Teil reduzierte Dynamik nun auch noch Geld bezahlen sollen?

Spass beiseite und abrupter Perspektivwechsel - die Idee, das Klangbild durch Hinzufügen mehr oder weniger kontrollierter Verzerrungen wärmer, dichter und verbindlicher zu gestalten ist nicht neu. Man erinnert sich noch an den ersten Aphex "Aural Exciter" (geschützte Warenbezeichnung, mit vergossenem Schaltkreis usw.), der Ende der Sibziger Jahre gegen einen - aus heutiger Sicht - horrenden Tarif je prozessierter Spielminute an Studios vermietet wurde. Kaufen konnte man ihn damals nicht, und die Art und Weise, wie dieser erste Aural Exciter unter's Volk gebraccht wurde, ist für mich noch heute das ausgekochteste Marketing-Manöver, dessen die professionelle Audiowelt bislang teilhaftig wurde. Es dauerte zwei bis drei Jahre, da wusste jeder: Dieser geheimnisumrankte Prozessor macht - ganz banal - Klirrfaktor! Dies wurde dann auch offen eingestanden, woraufhin im Laufe der folgenden Jahre eine wahre Flut von Excitern, Refreshern, Enhancern und ähnlich betitelten Klangprozessoren den Markt überschwemmte. Unbestritten ist seit langem: Die preiswerte - und daher weit verbreitete - Digitaltechnik ist klanglich oft unbefriedigend, da unter anderem die Durchzeichnung von Klängen aller Art im unteren Dynamikbereich zu wünschen übrig lässt; dem kann man allerdings mit aufwendigeren Wanddlern abhelfen. Man kann sich aber auch zu einem anderen Ansatz der Aufwertung entscheiden, der vielleicht mehr in Richtung "Klangdesign" geht - gemeint ist eine Röhrenstufe. der Markt bietet Röhren-Preamps, Röhren-Equalizer, Röhren-Kompressoren - die letzteren Anwendungen zum Teil auch in einem Gerät kombiniert. Ein in seiner Art einzigartiges Gerät auf diesem - mittlerweile schon tendenziell unter einem Überangebot leidenden - Markt ist "Charisma" der deutschen Herstellerfirma SPL, der internationalen Audiogemeinde bekannt durch "psychoaktustische" Prozessoren, wie beispielsweise dem "Vitalizer". Man legt in diesem Hause traditionell Wert auf eine vollmundige Gerätebezeichnung, der Duden definiert "Charisma" als "Göttliche Gnadengabe". Wohlan denn:

SPL "Charisma"

"Charisma" wurde in erster Linie für die Betreiber modularer Achtspur-Digitalrecorder vom System Adat oder DA-88 entwickelt. Sein Ziel: Mit einfachster (Dreiknopf-)Bedienung soll der oft "dünne" Digital-Sound aufgewertet werden. Beabsichtigt sind einerseits klangliche Wirkungen, wie sie bei Analogtechnik durch unterschiedliche Grade der Bandsättigung erzielt werden, andererseits eine bereits deutlich hörbare "Aufrauhung" des Sounds - Kennern der E-Gitarrenterminologie etwa als Sustain, "Crunch" oder (leichter) Overdrive geläufig. Das Layout des Prozessors ist überaus schlicht: Er verfügt über symmetrische Klinkenein- und Ausgänge mit einem Betriebspegel von +6 dB. Ein Ground Lift-Schalter bietet sich als Hilfe beim Beheben von Brummstörungen an. Die Frontseite zeigt je Kanal 3 Potis mit Rändelrasterung: Drive, Output und "Charisma", ausserdem 2 LED's. "Process" und "Maximum". Jeder Kanal kann mit dem Bypass-Schalter überbrückt werden. Mit dem Drive-Regler (Wertebereich: Unendlich bis +24 dB) steuert man die Röhrenelektronik an und ermittelt dabei (per Gehör) den optimalen, respektive erwünschten Arbeitspunkt. Die dadurch hervorgerufenen Pegelerhöhungen kompensiert man, wie bei einem Kompressor, mit dem Output-Poti, so dass im aktivierten wie im Bypass-Zustand gleiche Pegelverhältnisse möglich sind. Die "Process"-LED leuchtet auf, sobald die Röhre ihren Arbeitspunkt erreicht hat, an dem sie beginnt, Harmonische zu produzieren. Das "Charisma"-Poti reicht von "Soft" bis "Hard" und variiert das Sättigungsverhalten der Röhre. Es werden je nach Einstellung unterschiedliche harmonische Strukturen bzw. Übergänge produziert. Vergleichen können wir dies mit einem Kompressor mit variabler Knie-Charakteristik: Bei der Einstellung "Soft" entstehen Begrenzung und Harmonische allmählich, also auch schon bei geringeren Pegeln. Bei "Hard" setzt dieses Processing später ein, dann aber abrupter. Das Regelverhalten entspricht dann mehr einem Limiter. Die "Maximum"-LED zeigt an, dass das Processing in seiner Intensität nicht mehr gesteigert werden kann: die (maximale) Sättigung der Röhre ist erreicht. Eine weitere Anhebung des Eingangspegels führt nunmehr zu einer dichteren Verzerrung, weil so auch leisere Partien des Signals "in die Sättigung gefahren" werden.

Praxis

Während einer Mischung entstand das Bedürfnis, Während einer Mischung entstand das Bedürfnis, einem dynamischen, detailreichen Samplingsound mit breitem Frequenzspektrum, der (leider zwangsläufig) durch mehrere A/D/A-Wandlungen gegangen war, mehr "Wärme" zu verleihen. Der Sound klang ein wenig dünn und höherbetont - ein "typischer Digitalsound", wie man (ketzerisch?) anmerken könnte. Das Mittel der Wahl wäre hier normalerweise der Equalizer gewesen, hätte nicht der Charisma zur Verfügung gestanden. Und obgleich ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Blick in das Handbuch geworfen hatte und die darin enthaltenen Hinweise nicht kannte, erzielte ich - bezüglich dieses Sounds - mit ein wenig Spielen an den drei Knöpfen des Charisma kurzfristig deutlich mehr an "Wärme", "Abrundung" und Durchsetzungsvermögen, als ich erwartet hatte - ohne Kompromisse, wie sie beim Bearbeiten solcher Sounds mit dem EQ in der Regel zu erwarten sind. Die im entsprechenden Kanal vorgesehene Dynamik-Automation konnte ich mir daraufhin sparen: der Sound passte sich durchweg nahtlos in das Klangbild ein. Weitere Experimente mit dem Charisma, die später in aller Ruhe erfolgten, zeigten ebenfalls dessen verblüffende Eigenschaften: Bei perkussivem Material, wie den Trommeln eines (sehr alten) Drumcomputers beispielsweise, erinnerte mich das Ergebnis exakt an den Sound meiner verflossenen 16-Spur-Analogmaschine (in 2"-Technik, ohne Noise Reduction). Das Resultat war unter anderem eine erhöhte Lautheit bei einem um mehrere dB geringeren Pegel. Wer also regelmässig mit landläufigen Sampling Drums bzw. - Percussion zu tun hat, sollte sich eine Hörprobe mit Charismas Sättigungseffekt gönnen, mit einiger Sicherheit wird er künftig auf diese Aufwertung ebensowenig verzichten wollen wie bei vielen Synthesizer-Sounds. Geschmackssache hingegen sind Bearbeitungen von Vocals und akustischen Instrumenten - wenn es weniger auf "Druck" als auf Dynamik und (freistehende) Transparenz ankommt, erbringt ja auch die Bandsättigung nicht immer den optimalen Sound. Der Charisma bietet sich als eine Art universelles Kompressions-Tool an, wobei der Phantasie und Kreativität kaum Grenzen gesetzt sind: So fungiert er beispielsweise, einem Digitalrecorder vorgeschaltet, als "Peak Stop"-Limiter oder präsentiert sich als Werkzeug für Gitarristen und Keyboarder, die damit im Studio mehr oder weniger deftige "Crunch"- oder "Overdrive"-Effekte erzielen oder ihre Gitarre einfach nur ein wenig "smoky" klingen lassen wollen. Anzumerken wäre noch, dass bei keinem der durchgeführten Experimente mit dem Charisma Rauschen als Problem auftrat.

Fazit

Wenn der Inhalt ihrer Audio-Aktivitäten überwiegend aus klaren und transparenten Aufnahmen mit - oft freistehenden - akustischen Signalen bsteht und Sie in dieser Hinsicht den Sound Ihres modularen Achtspur- oder DAT-Recorders konsequent verbessern wollen, so empfiehlt sich zunächst die Anschaffung besserer Wandler und "in zweiter Instanz" eine Probesession mit Charisma. Wenn Sie dagegen mehr im Pop-, Jingle- oder Nachvertonungsgewerbe zuhause sind und sich ein einfach zu bedienendes Sound-Werkzeug in achtfacher Ausfertigung wünschen, das Ihnen Bandsättigungseffekte und vielerlei gefühlvolle Overdrives ermöglicht und gleichermassen den Sound Ihrer modularen Achtspur in diesem Sinne aufwertet, dann dürfte es derzeit wohl kaum eine bessere Wahl als Charisma geben. Von allen Studio-Röhrenprozessoren, die ich kenne, sind hier die Übergänge von "clean" über "Sättigung" und "smoky" bis zu aufgerauhteren Charakteristika wie "Crunch" bzw. "Overdrive" auf die mit Abstand sensibelste Weise zu regeln. Auch wenn Sie nicht über ein modulares Achtspur-System verfügen, jedenfalls aber ein Mischpult voll mit MIDI-Sounds haben, so sollten Sie dringend 'mal ein paar Inserts für einen Charisma-Hörtest reservieren und unter dem Motto "Erlaubt ist, was gefällt", Ihren persönlichen Geschmack aktivieren, denn der ist auf jeden Fall gefragt. Gegebenenfalls ist das Thema "Röhren-Overdrive-Processing" im Hause SPL mit diesem Achtkanaler ja auch noch nicht abgeschlossen - für Follow-Up-Produkte gibt es sicherlich einen Markt. So wäre beispielsweise für etliche Anwender auch ein Zweikanal-Gerät wünschenswert, da es für eine Reihe von Einsatzfällen völlig ausreicht; mögicherweise könnte es sogar mit ein paar zusätzlichen Finessen ausgestattet sein ...

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