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Atmos
5.1 PRODUCTION PARTNER 3/02 Das Interview mit Ronald Prent führten Harald Heckendorf und Detlef Hoepfner 5.1-övverall! Ronald Prent mischte im Galaxy Studio den BAP-Konzertmitschnitt Övverall für die Veröffentlichung auf DVD-Video/Audio, CD, VHS und sogar Vinyl und genießt die möglichen Experimentierfreiräume beim Mehrkanalton. Die Kölner Rock-Band BAP sorgt im März gleich mit zwei sehr ehrgeizigen Produktionen für Aufsehen: Ein Langzeit-Filmprojekt entsteht unter der Regie von Wim Wenders und parallel die DVD-Produktion eines Live-Konzertes, das im Dezember letzten Jahres in der Kölnarena aufgezeichnet worden ist. Die Tonbearbeitung dieses Konzertes übernahm der renommierte niederländische Toningenieur Ronald Prent im belgischen Galaxy Studio. PRODUCTION PARTNER hatte die Möglichkeit, während des letzten Feinschliffs an der Mischung mit Ronald Prent zu sprechen. Mikrofonierung in der Kölnarena Production Partner: Ronald, du warst auch schon an der Aufnahme des Materials aus der Kölnarena zusammen mit Eurosound beteiligt. Wie sah dort die Mikrofonierung aus? Ronald Prent: Die Mikrofonierung auf der Bühne wurde von der PA-Firma übernommen. Heutzutage werden bei der Bühnen-mikrofonierung sehr gute Mikrofone eingesetzt. Der Standard ist so hoch, dass es völlig ausreichend ist, diese Signale von der Bühne zu benutzen. Lediglich für die Per-cussion habe ich zusätzlich noch ein paar Kondensatormikrofone als Overheads dazu gestellt, um die Höhen noch sauberer zu bekommen. PP: Wie sah die ergänzende Mikrofonierung für den Sound in der Kölnarena aus? R.P.:
Für den Raumsound haben wir insgesamt vier unterschiedliche Ebenen
aufgebaut. Vorne an der Bühne wurden für die Pfeifer und
Klatscher außen links und rechts Sennheiser MKH 60 und in
der Mitte zwei Paar MKH 416 aufgebaut. Zusätzlich vorne in der Mitte
noch ein ORTF-Paar mit Schoeps MK4. Daraus wurde schon mal ein Stereo-Image
gebildet. Dann gab es noch ca. 6-10 Meter von der Bühne weg eine
weitere Ebene mit zugemischten Mikrofonen, um mehr Breite zu bekommen. PP: Diese Mikros laufen dann während des gesamten Mixes durch, oder werden sie von Zeit zu Zeit z. B. zwischen den Stücken - dazu gemischt? R.P: Aus den vier Ebenen bilde ich ein Verhältnis, es ist dann sozusagen das Publikum. Diese Basis ist eigentlich immer an -und ist so ein großer Bestandteil des Gesamtklangs. Dadurch brauche ich kaum auf künstlichen Hall zurück zu greifen. Die Kunst besteht in diesem Fall darin, eine Balance zwischen so laut wie möglich und so leise wie nötig herzustellen. Natürlich greife ich je nach den Reaktionen auf die eine oder andere Ebene mehr oder weniger zurück: zum Beispiel auf die vordere Ebene, um das Klatschen zu kriegen oder auf das Atmos, um Größe zu erlangen. Alles rückt im gesamten Klangbild trotz der Größe, die durch den Einsatz des Atmos entsteht, aber irgendwie näher an dich heran. Wichtig ist ein gutes Grundverhältnis, um von dort aus auf spezielle Perspektiven eingehen zu können. Nur so gelingt es, das Gefühl zu vermitteln in der Halle zu sein, ein Gefühl des Miterlebens zu haben. Dieses Setup haben wir so auch schon bei Pur auf Schalke eingesetzt. PP: Wie wurden die einzelnen Bühnenmikrofone in das 5.1-Klangbild integriert? K.P.:
Generell wurden Schlagzeug und Bass über ein reguläres Stereoimage
verteilt. Akustikgitarre und die Leadvocals sind auf dem Center, mit Divergenzen
von ca. 40 % vorne links und rechts. Eine der E-Gitarren wurde über
zwei Verstärker gespielt, wobei die Verstärker über links
vorne und links hinten verteilt sind. Der andere Gitarrist hat einen Amp
und ein Effektgerät gehabt, diese wurde nach rechts vorne und rechts
hinten aufgeteilt. Kommen mehrere Akustikgitarren zum Einsatz, so finden
sich diese rechts und links vorne, aber leicht nach innen gepanned. Das
ist auch ein wenig abhängig vom Bild. Meist kommen die Musiker, wenn
sie z. B. Akustikgitarren spielen, auf der Bühne näher zusammen
oder sie sitzen sogar nebeneinander. Das Saxophon ist vorn schräg
rechts zu hören, entsprechend seiner Position auf der Bühne
bzw. auf dem Bildschirm. Percussion ist über dem Center, rechts vorne
und rechts hinten verteilt, weil sie hinten auf der Bühne steht.
Die Percussion etwa deshalb ganz nach hinten zu legen, weil sie auf der
Bühne hinten steht, macht jedoch keinen Sinn. Je nachdem was sie
gerade spielt es ist ja gerade bei Percussion viel Bewegung drin
lege ich die Percussion auf eben diese Kanäle. Orientierung am Bild PP: Gab es Sequenzen, die so geschnitten bzw. von den Bildern so aufgelöst wurden, dass eine solche Verteilung hätte stören können? R.P.: Nein, bisher nicht. Ich habe allerdings die Endfassung, welche das DORO-Team schneidet, noch nicht gesehen. Aber eigentlich sind die Jungs von DORO sehr musikalisch, und ich sehe keinerlei Gefahr, dass es da zu Problemen kommen könnte. Der Live-Bildschnitt von dem zweiten Abend der Kölnarena - zu dem ich arbeite - war bereits schon sehr gut. Dieses Bild und dieser Timecode sind sozusagen für alle Beteiligten das Maß aller Dinge. Nachdem ich das komplette Konzert gemischt habe, wird mit Hilfe der Schnittlisten am Avid meine Audioproduktion an das Bild angelegt. Es ist auch nicht möglich auf den Endschnitt zu warten, denn erfahrungsgemäß sind die Endfassungen des Bildschnitts einen halben Tag vor der Pressung fertig, dann hätte ich nur sechs Stunden zum Mischen und das wäre wohl etwas zu wenig (lacht). Die Erfahrung hat gezeigt, dass es besser ist, wenn wir drei bis vier Wochen vor der Abgabe unsere Mischung abgeben, so ist genug Zeit, um die optimale Anpassung der Bilder im Schnitt zu erreichen. Wenn es dann Stellen gäbe, die überhaupt nicht funktionieren, hätte man noch ausreichend Zeit, diese Stellen noch mal zu mischen. Aber die Bilder von DORO sind in aller Regel immer schon zu 80 % die Bilder des Endresultats. Also recht, recht ordentlich! Aufnahmemedien und Mix PP: Mit welchen Aufnahmegeräten ist gearbeitet worden? R.P.: Die Aufnahmen vor Ort hat die Firma Eurosound durchgeführt. Wir haben parallel auf Sony DASH aufgenommen, auf ein Harddisk-System und auf Tascam DA98, um einfach mal einen Vergleich zu haben und falls tatsächlich mal etwas schief gehen sollte. Die gesamte Technik ist ja noch relativ jung und gerade bei so langen Aufzeichnungen es galt ja schließlich dreieinhalb Stunden Konzert aufzuzeichnen hätten Probleme zwischen den Harddisk-Systemen und der Synchronisation zum Video auftreten können. Allein schon, um immer auf der sicheren Seite zu sein, sollte man bei solchen Projekten immer Alternativen haben. Aber den Festplattensystemen, bei denen man vielleicht nur noch einmal mittendrin die Platten wechseln muss, gehört sicher die Zukunft. Wir hätten auch gern darauf in 96/24 aufgenommen, aber es war noch keine Harddisk-Lösung vorhanden, die diese 3,5 Stunden sicher durchläuft. PP: Wurden nur die Aufnahmen vom zweiten Abend in der Kölnarena verwendet, oder musste auf das Material, welches in Stuttgart und München aufgenommen wurde, zurückgegriffen werden? Haben die Musiker zum Klick gespielt? R.P.: Jürgen Zöller, der BAP-Drummer, spielt immer alle Konzerte zum Klick. Wenn man wirklich etwas hätte austauschen müssen, so wäre es leicht gewesen. Nur ein kompletter Song aus Stuttgart ist dabei, sonst ist eigentlich alles vom zweiten Abend in der Kölnarena. Ein Song wurde nur am ersten Abend für Wim Wenders gespielt (Anm:. W. Wenders war an diesem Abend Gast). PP: Welche Teile der Tonbearbeitung für die DVD wurden von dir übernommen? R.P.: Mit den anderen Inhalten auf der DVD habe ich nichts zu tun, ich liefere nur den Mix von dem Konzert. Hier muss ich alles doppelt machen: einen Stereoton und einen 5.1-Mix. Aber die übrige Bearbeitung, obliegt der Firma Imagion. PP: Wie entstehen die beiden Mischungen? Wird die 5.1-Mischung zur Grundlage für den Stereo-Mix? R.P.: Aus dem 5.1-Mix wieder einen Stereo-mix zu machen, halte ich für einen Kompromiss. Man kann ihn zwar eingehen, doch ich denke, es ist immer nur eine Frage, wie viel man dafür auszugeben bereit ist. Diese Produktion liegt am oberen Ende der Produktionen. PP: Wie viele Spuren gab es, und wie sah die Verteilung aus? R.P.: Insgesamt 64 Spuren davon 48 auf der Sony DASH. Das Audience wurde getrennt auf DA98 High-Resotution aufgezeichnet. Die fünf gehängten Mikrofone, das Atmos und die vier B&K von ganz hinten synchron auf den DA98. PP: Wie sehen die einzelnen Arbeitsschritte der Mischung aus, und welcher Zeitraum steht zur Verfügung? R.P.:
Ein solches Konzert zu mischen, dauert ungefähr sechs bis sieben
Tage in diesem Aufwand und dieser Qualität. Das geht selbstverständlich
auch schneller, ist dann aber immer mit Kompromissen verbunden. Ich habe
in aller Regel zwei Vorbesprechungen, und die jeweilige Show schaue ich
mir auch meist zwei Mal vorher an. Dann noch die üblichen Aufbauzeiten
sowie Sound-checks und am zweiten Tag schließlich noch aufnehmen.
Ich arbeite meist 14 Stunden am Tag, man muss also schon richtig Gas geben.
PP: Welche Formate müssen diesmal abgeliefert werden? R.P.: Diesmal haben wir 24/96. weil wir von diesem Projekt auch eine DVD-Audio machen wollen und 24/48 für die DVD-Video sowie 44,1 kHz /i6 Bit Stereo, nur analog nicht. Das sind letztendlich die Formate, die ich bei dieser Produktion abliefern muss. Und alles muss Video-gelockt synchron laufen: Man weiß ja nie vielleicht soll der Ton mal da hin oder der mal dort hin, es muss halt alles synchron sein! PP: Wie wird die Verkopplung realisiert? R.P.: Dazu benutze ich eine TimeMachine von C-Lab und noch zusätzlich einen Zeta Three für die Sony und die Beta-Maschinen. Alles läuft über 9-Pin-Steuerung: der Housesync hängt an der TimeMaschine und von dieser wird dann die Wordclock verteilt. Damit sind alle Probleme gelöst das ist zwar ziemlich aufwändig zu programmieren aber wenn man sich einmal damit eingegrooved hat, dann funktioniert das wunderbar. PP: Es fällt auf, dass du beim Mischen ziemlich viel aufs Bild schaust. Würdest du ohne das Bild anders mischen? R.P.: Sicher! Aber ich habe bei 5.1 auch noch nie ohne Bild gemixt. Bei der Zweispur-Mischung ist kein Bild dabei, aber wenn ich auf das Bild schauen kann, kriege ich einfach mehr das Live-Gefühl und kann besser in die Performance und die spezielle Atmosphäre des Abends einsteigen. Viel mehr, als wenn ich ohne Bild mischen würde. Ich denke, dann würde ich sehr abstrakt-mischen - zwar auch nach Gefühl, aber ich glaube, das empfände ich als zu statisch. Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei, ohne Bild zu mischen. PP: Wie wäre es dann gleich mit einer Leinwand beim Mischen ... R.P.:
... die haben wir hier im Galaxy Studio ja auch. Aber dann kriege ich
noch Angst! Nein, ich brauche das Bild ja nur, um mich daran zu erinnern,
was ich tue (lacht). PP: Fließt in irgendeiner Art die derzeit sehr unterschiedliche Abhörsituation der Konsumenten zu Hause in den Mix ein? R.P.:
Nein, darum kann ich mich nicht auch noch kümmern (lacht)! Ich meine
das wirklich nicht böse aber ich liefere einen bestmöglichen
1:1-Mix ab, den Rest hat die Authoring-Firma zu bestimmen. Bei einem 1:1-Mix
habe ich die Gewähr, dass sowohl bei einer SACD als auch bei einer
DVD-Audio später genau das rauskommt, was ich rein gegeben habe.
Wenn das Material z. B. später in Dolby AC 3 aufbereitet wird und
ich vorher schon damit rechne, kann es im Authoring unter Umständen
zu Problemen führen, dann stimmen nämlich die Verhältnisse
schlichtweg nicht mehr. Gehe ich jedoch von einem 1:1-Mix aus, und es
geht zum Authoring, dann stimmt das Verhältnis und es kann nichts
schief gehen, auch wenn der Authoring-Ingenieur nun ein AC 3 macht. Weil
er bestimmt, wie der AC3 später funktioniert, muss ihn nach meiner
Auffassung auch der Authoring-Ingenieur machen und nicht ich. Wenn
er einen DTS macht, dann funktioniert das auch nur so. Er muss entscheiden,
wie viel in den Subkanal geht. Ich sage, ob ich einen Subkanal gemacht
habe und wo er sich befindet. Wenn er dann einen AC 3 macht und sieht,
etwas funktioniert nicht, legt er meinen Sub in den Fünfkanal und
erzeugt selbst einen AC 3-generierten Subkanal der funktioniert
dann. Hätte ich das vorher gemacht, wäre er eingeschränkt.
Wir haben mit vielen Ingenieuren auch aus Amerika und mit
Leuten von Philips und Sony schon stundenlang darüber diskutiert,
was wir tun sollen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir einfach diskret
mischen, auch den Subkanal. Wenn man nun einen Subkanal benutzt, dann
darf man auch nur das reinmischen, was man an Bassanteil haben möchte.
Also auch nur Sub-Signal 40 bis 60 Herz und nicht Fullrange
und dann davon ausgehen, dass ein THX-Bassmanagement benutzt wird oder
irgend-etwas anderes. Das ist zum Beispiel auf der SACD von Spyro Gyra
falsch. Es ist zwar ein tierischer Mix, aber im Subkanal ist alles drin:
Base drum aber bis 16 kHz und sogar Klavier und ein Cello, alles
Fullrange. Das geht nicht! So eine Scheibe kann man dann nur mit einem
Bassmanagement abhören. PP:
Wie genau gleich werden die Kanäle behandelt? R.P.: Das Spannende an dieser ganzen Geschichte ist: Es gibt keine Gesetze! Und das ist schön, denn sobald es diese Gesetze gibt, wird es eigentlich langweilig. Die Kreativität der Leute wäre dann auf einmal eingeschränkt. PP: Ronald, herzlichen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg beim Mix! |
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